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BEWEG DICH –
WIE DU WILLST!
© JOEL KERNASENKO
Erinnern Sie sich noch, wie gut es sich angefühlt hat, als Sie nach einem langen Sommertag, an dem Sie einfach nur mit Freunden über die Wiese tobten, nach Hause kamen? Sport ist im Erwachsenenalter häufig mit Überwindung verbunden. Dabei belegt die Wissenschaft heute ganz eindeutig: Wer bis ins hohe Alter geistig und körperlich fit bleiben will, muss sich bewegen. Wer dann noch auf eine ausgewogene Ernährung achtet, kann eigentlich nicht mehr viel falsch machen.
BEWEGUNG ALS MENSCHLICHES GRUNDBEDÜRFNIS
Was wir als Kind ganz intuitiv taten – uns so viel wie möglich zu bewegen –, wird im Laufe unseres Lebens immer weniger. Je älter wir werden, desto mehr sitzen wir – der durchschnittliche Europäer mittlerweile mehr als 40 Stunden die Woche. Nach Schule und Ausbildung sind die meisten Erwachsenen in einem Alltag angekommen, der kaum noch Raum für Bewegung lässt. Die Internisten, Kardiologen, Orthopäden und Sportmediziner, die ein Lied davon singen können, sind Legion; eine davon ist die Wiener Medizinerin Barbara Laimböck: „Wir können heute davon ausgehen, dass bereits mehr Krankheiten durch zu langes Sitzen als durch Sportunfälle entstehen“, bestätigt sie. Als Ärztin und Psychotherapeutin arbeitet Laimböck häufig mit Menschen zusammen, die sich sehr weit vom menschlichen Grundbedürfnis nach Bewegung entfernt haben.
GLÜCKSHORMONE GARANTIERT
Gerne erzählt die Expertin, die ihre bewegungsfremden Patientinnen und Patienten mit Hypnose behandelt, davon, wie sie das kindliche Grundbedürfnis nach Bewegung das erste Mal „live“ erlebt hat. „Als ich mit meinem ersten Kind schwanger war, sah ich im Rahmen einer frühen Ultraschalluntersuchung, wie mein gerade einmal zehn Wochen altes ungeborenes Baby in meinem Bauch eine Rolle rückwärts machte. Da wurde mir schlagartig bewusst, wie sehr der Wunsch nach Bewegung allen Menschen angeboren ist.“ Aber nicht nur den Menschen, wie Laimböck betont: Auch schon ganz junge Tiere hätten große Freude daran, miteinander zu spielen und herumzutoben. „Diese frühe Form von Bewegung ist mit sozialem Lernen verbunden. Die Bewegung führt außerdem dazu, dass Glückshormone ausgeschüttet werden“, weiß die Expertin. Das Gefühl kennt so gut wie jeder sportliche Mensch: Ein Cocktail aus Serotonin und Dopamin flutet in den Momenten erhöhter körperlicher Anstrengung unser Gehirn und sorgt für ein geradezu euphorisches Gefühl. So produzieren Laufen, Kraftsport oder andere physisch fordernde Aktivitäten ganz nebenbei körpereigene Antidepressiva.
BEWEGEN UND VORSORGEN
Doch Bewegung sorgt nicht nur im Hier und Jetzt für Entspannung und gute Gefühle. Sie ist auch langfristig die beste Gesundheitsprävention, wie zahlreiche Studien und Forschungsergebnisse der letzten Jahre zeigen. Das aktuelle Buch der Neurowissenschaftlerin Manuela Macedonia („Beweg dich! Und dein Gehirn sagt Danke“, Brandstätter Verlag 2018) fasst einige davon zusammen und belegt, wie wesentlich Bewegung vor allem für das menschliche Gehirn ist.
WARUM UNSER GEHIRN BEWEGUNG BRAUCHT
„Bewegung ist die einzige Maßnahme, die uns körperlich und geistig fit hält“, schreibt Macedonia darin. Die gebürtige Italienerin weiß, wovon sie spricht, promovierte sie doch an der Universität Salzburg über die Auswirkungen von Bewegung auf das Gedächtnis. Als sie vor ca. zehn Jahren bemerkte, dass sie selbst Gedächtnisprobleme bekam, war dies der Anstoß, ihr Leben von Grund auf zu verändern und ein Buch zum Thema zu schreiben. Im knapp getakteten Leben der Neurowissenschaftlerin, die derzeit an der Universität Linz arbeitet, gibt es nun kaum noch einen Tag, an dem sie nicht die Laufschuhe schnürt, um zumindest eine kleine Runde an der frischen Luft zu drehen. Ihr Motto dabei: „Ich laufe nicht für die Figur, sondern für das Gehirn.“
SCHLUSS MIT COUCH-POTATO
Und sie verrät, wie sie es geschafft hat, die fehlende Motivation mit „Angst“ zu besiegen: „Ich denke an die Gedächtnisambulanz, wo ich viele Demenzfälle beobachtet habe, und vergegenwärtige mir mein eigenes Gedächtnisproblem. So bin ich froh, für mein Gehirn hinaus in die Kälte und in den Regen zu gehen! Und ich freue mich auf die heiße Dusche danach … “ Wer die Neurowissenschaftlerin über ihre vielen Projekte sprechen hört, wundert sich trotzdem, woher sie die Zeit für den täglichen Sport nimmt. Auch auf diese Frage hat Macedonia eine klare Antwort: „Wir müssen selbst entscheiden, wo wir Abstriche machen. Ich zum Beispiel habe kein Fernsehen. Das wirkt sich stark auf meine persönliche Zeitbilanz aus. Und ich nehme manche Einladungen nicht an und verzichte auch auf die eine oder andere Kulturveranstaltung. Mein Gehirn und seine Gesundheit haben höchste Priorität!“
AKTIV VORSORGEN – GEHT DAS?
Im Alltag fällt es uns oft schwer alle Bereiche des Lebens zu meistern. Sei es Arbeit, Familie, Ernährung oder die eigene Gesundheit. Um für Stresssituationen gerüstet zu sein und um die eigene Lebensqualität auch im hohen Alter beizubehalten, muss man sich gezielt eine Auszeit nehmen.
BEWEGUNG – ABER WIE?
Schon lange beschäftigen sich Wissenschaftler mit der Frage, ob der größere Effekt auf die Gesundheit mit Kraft- oder mit Ausdauertraining zu erzielen ist. Dazu gibt es neue Erkenntnisse: Eine aktuelle Studie von Kardiologen der Universität Leipzig belegt, dass es besonders der Ausdauersport ist, der die Zellen jung hält. Für die Studie absolvierten je 133 gesunde Personen ohne vorherige Sporterfahrung dreimal pro Woche unterschiedliche Bewegungseinheiten. Während die eine Gruppe Ausdauertraining betrieb, also joggen ging, trainierten die Mitglieder der anderen Gruppe ihre Muskelkraft.
SPORTELN FÜR DIE ZELLEN
Die Wissenschaftler aus Leipzig untersuchten dabei die Entwicklung der sogenannten Telomere bei den Probanden. Telomere sind die Kappen an den Enden der Chromosomen, die das Genmaterial der Zellen vor dem Verfall schützen. An ihnen lässt sich die Zellalterung ablesen, denn mit zunehmendem Alter verkürzen sich diese. Ihre Länge gilt somit als wichtiger Hinweis auf das biologische Alter. Das Enzym Telomerase wirkt dieser Verkürzung entgegen und kann die Telomere sogar wieder verlängern – es führt also zu einem Anti-Aging-Effekt, der im Labor zu erkennen ist.
AUSDAUERTRAINING IST BESTES ANTI-AGING
Das Resultat der Studie war eindeutig: In der Gruppe mit Ausdauertraining erhöhte sich die Telomerase-Aktivität um das Zwei- bis Dreifache; außerdem nahm die Telomerlänge zu. Bei der Gruppe mit Krafttraining hingegen war dieser Effekt nicht festzustellen. „Unsere Studie verweist auf einen Mechanismus im Rahmen von körperlicher Aktivität, der das gesunde Altern fördert“, so Studienleiter Ulrich Laufs. „Dieser spezielle Mechanismus wird aber nur durch Ausdauertraining und nicht durch Krafttraining aktiviert.“
Auch Manuela Macedonia, die Autorin von „Beweg dich! Und dein Gehirn sagt Danke“, setzt seit langem auf Ausdauersportarten. „Sehr gut beforscht auf ihre Wirksamkeit sind Gehen und Laufen, also ganz natürliche Bewegungsarten“, sagt Macedonia. Radfahren und Schwimmen würden sich ebenso positiv auswirken.
GESUNDHEIT BRAUCHT KRAFT UND AUSDAUER
Dennoch solle man nicht auf das Krafttraining verzichten, weiß Gender-Medizinerin und Stoffwechselexpertin Alexandra Kautzky-Willer von der MedUni Wien. Denn dieses würde dazu beitragen, dass Muskelmasse aufgebaut wird. „Muskelmasse hilft uns nicht nur den Grundumsatz zu steigern, sondern setzt auch Myokine frei, hormonähnliche Botenstoffe, die den Stoffwechsel anregen und unser Immunsystem stärken“, fasst Kautzky-Willer die noch relativ neuen Ergebnisse einer anderen Studie zusammen.
SELBST-SABOTAGE: WARUM WIR IMMER WIEDER AN UNS SCHEITERN
Die wissenschaftlichen Fakten sprechen für sich: Nur wer sich bewegt, bleibt gesund und fit bis ins hohe Alter. Warum aber fällt es uns dann trotzdem oft so schwer, uns zu motivieren?
Die systemische Familientherapeutin und Hypnotherapeutin Karin Neumann ist Expertin für die Frage, warum wir häufig nicht das machen, was uns eigentlich guttäte. Als Autorin des Buches „Ängste – Schuld – Selbstzweifel? Erkennen und Lösen mit PSI, Psychosomatische Integration“ (Delta X Verlag 2019) hat sie sich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt. Auch in ihrer psychotherapeutischen Praxis hilft sie seit mehr als 20 Jahren Menschen, die einen positiven Lifestyle-Change anstreben, es alleine aber nicht schaffen.
© JOEL KERNASENKO
DER URSPRUNG DER SELBST-SABOTAGE
Bei der Suche nach den Gründen für die häufig fehlende Motivation, sich zu bewegen, beginnt Neumann mit einer kleinen Einführung ins Gehirn. Dieses besteht – vereinfacht gesagt – aus drei großen Bereichen: dem Neocortex, dem Zentrum für unser bewusstes Denken, dem limbischen System, jenem Ort, an dem unsere Gefühle angesiedelt sind, und dem Stamm- oder Reptilienhirn, in dem unsere alten Muster abgespeichert sind.
Neumann bezeichnet das Stammhirn auch als unsere „Festplatte“, und genau auf der sind unsere Selbst-Sabotage-Anteile gespeichert.
„Menschen können ihre Ziele leichter erreichen, wenn ihr bewusstes Wollen (Neocortex) mit ihren unbewussten Mustern (Stammhirn) übereinstimmt“, so Neumann. „Ist dies nicht der Fall, dann brauchen Sie sehr viel Kraft, um eine Sache umzusetzen“, sagt die Expertin und gibt gleich ein konkretes Beispiel. „Haben Sie in Ihrem Unbewussten ein ‚Nein‘ zu regelmäßiger Bewegung abgespeichert, dann werden Sie es möglicherweise noch schaffen, zwei- bis dreimal joggen zu gehen, danach aber ziemlich sicher wieder aufhören damit, da die Anstrengung bzw. Überwindung einfach zu groß ist.“ Die Therapeutin vergleicht den Mechanismus auch mit dem Bild eines Ruderbootes mit zwei Ruderern. Bei inneren Selbst-Sabotage-Mustern würde jeder der beiden in eine andere Richtung rudern. „Letztlich gewinnt immer das Unbewusste“, weiß Neumann aus ihrer langjährigen Praxis.
AUSDAUER WILL GELERNT SEIN
Auch Psychoanalytiker gehen davon aus, dass jener Anteil in uns, der uns im schlimmsten Fall zu regelrechten Prokrastinierern, also Daueraufschiebern, werden lässt, mit Unlustgefühlen zu tun hat. So vermutet die Psychotherapeutin Elisabeth Dokulil aus Wien, dass das Phänomen des Prokrastinierens mit der Schwierigkeit zu tun hat, mit Frustration umzugehen oder ein Bedürfnis aufzuschieben. Dokulil ist Expertin im Bereich der „Aufschieberitis“, hat sie doch jahrelang die Forschungen zu den sogenannten „Messies“ an der Wiener Sigmund Freud PrivatUniversität vorangetrieben. Mit Bewegung verhalte es sich nicht viel anders, als mit dem Aufräumen, das wir so gerne aufschieben, weiß die Expertin. „Viele Menschen sind heute so auf Konsum bzw. die sofortige Erfüllung ihrer Wünsche ausgerichtet, dass es ihnen besonders schwerfällt, sich vorzustellen, dass das Warten auf einen Genuss diesen sogar noch steigern kann“, sagt die Therapeutin. Warum laufen gehen, wenn die nächste Serie auf dem Sofa nur einen Klick entfernt und der Kühlschrank voll mit schmackhaften Fertiggerichten ist, die einem ohne Aufwand das Gefühl geben, sich Gutes zu tun?
Im Falle von Bewegung etwa bräuchte es die Vorstellung, dass man mit Durchhaltevermögen und längerem Üben durchaus ein lohnendes Ziel erreichen könnte, sagt Dokulil und fügt hinzu: „Man will sich selbst aber immer Ungutes ersparen.“ Der Umgang mit kleinen Frustrationen auf dem Weg ließe sich aber durchaus erlernen, so die Expertin. Dazu brauche es zuerst Geduld, den Verzicht auf rasche Ergebnisse und die Bereitschaft, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen.
BESIEG DICH SELBST!
Wer gelernt hat, sich selbst zu überwinden, kann alles erreichen. Das Versprechen, das die Integration von Sport in unser Leben uns gibt, ist verheißungsvoll: Gesundheit, Schönheit und ein besseres Lebensgefühl.
© JOEL KERNASENKO
ERFOLGSFAKTOR NUMMER EINS: GEDULD
Was Dokulil anspricht, kennt auch die Linzer Neurowissenschaftlerin Manuela Macedonia aus ihren Gesprächen mit anderen Menschen zum Thema Bewegung: „Ich höre oft, dass Leute sagen, sie seien enttäuscht darüber, dass sie es nicht so gut schaffen würden wie ich, Bewegung in ihren Alltag einzubauen.“ Dabei würden viele übersehen, dass es eine Illusion sei, den Körper von heute auf morgen dazu zu bringen, täglich zehn Kilometer in einem durch zu laufen. „Sie müssen wirklich klein beginnen“, sagt Macedonia. „Wie soll Ihr Körper vom einen Tag auf den anderen genug Muskeln aufgebaut haben, um einen Langstreckenlauf hinzulegen?“ Realistische Ziele und vor allem ein sorgsamer Umgang mit dem eigenen Körper seien der beste Start für gesunde und regelmäßige Bewegung.
MIT SELBSTLIEBE DURCHSTARTEN
Was es laut Karin Neumann zu Beginn jeder Routine noch braucht, ist Selbstliebe. „Es ist wichtig, das eigene Problem zuerst zu erkennen, anzunehmen und sich auch damit wertzuschätzen.“ Anstatt sich selbst mit negativen Gedanken fertigzumachen, könne eine positive Entwicklung mit dem Satz beginnen: „Auch wenn ich überhaupt keine Lust habe, jetzt noch eine Runde zu gehen, liebe und achte ich mich von ganzem Herzen.“ Denn wer sich selber mag, springt schon einmal über seinen Schatten. Auch Neumann plädiert also für realistische Ziele – ein Erfolgsrezept, das sie an sich selbst ausprobiert hat: Als Hilfsmittel zur Motivation dienen ihr simple Kalendereinträge. Drei rote Kreuze pro Woche signalisieren ihr, dass es wieder einmal an der Zeit ist, eine Runde in den Weinbergen zu drehen. Nicht überambitioniert im Dauerlauf, aber auch nicht im Schneckentempo. „Zumeist ist ein gutes Mittelmaß das Beste“, sagt Neumann.
UND WAS, WENN’S TROTZDEM NICHT KLAPPT …?
Aus ihrer Praxis weiß die Wissenschaftlerin, dass es dennoch immer wieder Menschen gibt, die es trotz größter Anstrengung einfach nicht alleine schaffen. Dann, so Neumann, würde sich der Gang zum Psychotherapeuten lohnen. Egal, ob Hypnose, Brainspotting oder PSI (Psychosomatische Integration) – sind innere Sabotage-Anteile so groß, dass sie sich kognitiv nicht knacken lassen, könnten moderne hypnotherapeutische Methoden heutzutage leicht und rasch Abhilfe schaffen, sagt sie. Das bestätigt auch Barbara Laimböck in ihrer Praxis für Hypnose in Wien. Sie konzentriert sich dabei vor allem darauf, bei Klienten gute Körpererinnerungen aus der Kindheit zu aktivieren oder Glücksmomente, die sich nach der Bewegung einstellen, aktiv zu imaginieren.
WALDBODEN SCHLÄGT GROSSSTADTASPHALT
Eine Runde um die Häuserblocks joggen oder eine Stunde auf dem Ergometer im Fitnessstudio nach der Arbeit ist nicht jedermanns Sache. Bewegung um der Bewegung willen wird rasch langweilig und daher nur schwer zur täglichen Routine. Häufig kann in solchen Fällen eine besonders schöne Umgebung Abhilfe schaffen.
„Viele Menschen scheitern daran, dass sie das Laufen an sich als langweilig empfinden“, sagt die Hypnosetherapeutin und Ärztin Barbara Laimböck aus Wien. Nicht zufällig erlebt momentan der Aufenthalt im Wald einen besonderen Boom. Dass uns Bewegung – sofern wir sie in der Natur ausführen – gleich doppelt guttut, ist an sich nichts Neues. Das Phänomen wurde bereits in den 1980er Jahren intensiv untersucht, u.a. von den Forschern Rachel und Stephen Kaplan. In ihrer Attention-Restoration-Theorie erklären sie, wie kognitive Ressourcen, die durch permanente Aufmerksamkeit und Konzentration erschöpft sind, am besten wiederhergestellt werden können.
ERHOLSAMES „SICHVERLIEREN“
Kaplan und Kaplan gehen davon aus, dass Umwelten, die uns faszinieren und uns das Gefühl vermitteln, weit weg vom Alltag zu sein, aktiv psychologische Prozesse initiieren und dass diese wiederum zur Erholung erschöpfter kognitiver Ressourcen beitragen. Das geschähe hauptsächlich dadurch, dass wir in solchen Umwelten keine „direkte Aufmerksamkeit“ bräuchten, da sich uns fast alles intuitiv, also ohne gesteigerte Konzentration, erschließe. Unsere Aufmerksamkeit würde durch Umweltreize geleitet, so die Forscher, wir würden uns in dem, was uns umgibt, verlieren. Und was würde sich besser eignen, um sich darin zu „verlieren“, als ein blühender Frühlingswald mit Vogelgesang und frischem Moosduft?
„WALD IST KEINE PILLE, DIE MAN ‚EINWIRFT‘“
Diese Idee hat auch der Biologe Clemens Arvay immer wieder in seinen Veröffentlichungen aufgegriffen. In seinem aktuellen Buch („Mit den Bäumen wachsen wir in den Himmel“, Goldmann 2019) schreibt er: „Es brauchte regelmäßige Besuche im Wald. Denn Wälder sind nicht wie Pillen, die man ‚einwirft‘, um rasch eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Ich stellte fest, dass ich mit der Zeit eine heilsame Beziehung zum Wald aufbaute. So wie viele andere Menschen fühlte ich mich in der Natur geborgen und gestärkt.“
DER WALD ALS THERAPEUT
Arvay weiß also um die regenerative Wirkung des Waldes auf ihn. Lange Waldspaziergänge würden ihm schlicht helfen, Gedankenkreise zu durchbrechen. Es ist das „Einfach-weg-Sein“, wie es auch Kaplan und Kaplan beschreiben, das sich als besonders heilsam erweist. Und in den vielen Bewegungsmöglichkeiten, die jeder Wald bietet, ortet Arvay nicht zuletzt den besten „Physiotherapeuten“: Jede Wurzel, über die man steigt, aktiviert den menschlichen Körper mindestens genauso gut wie die Gymnastikübung im Fitnessstudio, meint er.
BEWEGUNG FÜR ALLE!
Wie kann es gelingen, die richtige Form der Bewegung zu finden, die optimal zu einem passt? Und inwiefern spielen Alter und Geschlecht bei der Wahl der Bewegungsart eine Rolle?
MÄNNER SUCHEN SPASS, FRAUEN WOLLEN ABNEHMEN
„Frauen bewegen sich leider ab dem Kindergartenalter tendenziell weniger als Männer“, weiß die Gender-Medizinerin Alexandra Kautzky-Willer (MedUni Wien). Während erwachsene Männer immerhin noch 6.000 von 10.000 empfohlenen Schritten pro Tag machen, seien es bei Frauen gerade einmal 4.000. „Männer finden nach wie vor leichter Zugang zu Bewegung“, weiß die Expertin, da klassische Männersportarten, wie etwa Fußball, immer auch den Spaßfaktor berücksichtigen würden. „Männer betreiben oft Sport, um ihre Freunde zu sehen und gemeinsam Spaß zu haben; Frauen denken dabei eher an ihre Gesundheit und ans Gewicht.“ Frauen hätten es daher oft viel schwerer, eine Sportart zu finden, die auch tatsächlich Spaß macht – Übungen alleine auf der Matte sind eben nie so lustig, wie in der Gruppe einem Ball hinterherzujagen.
© JOEL KERNASENKO
KREATIVE, NEUE BEWEGUNGSFORMEN FINDEN
Dass auch Frauen mit etwas Kreativität passende Angebote finden, zeigen Aktivitäten wie das von Nicole Pascher entwickelte „Kangatraining“ für Mütter mit ihren Babys. Kanga ist eine Sporterfolgsgeschichte der besonderen Art: Pascher, selbst ehemalige Tänzerin und Personal Trainerin, wollte nach der Geburt ihrer dritten Tochter Pamina selbst wieder fit werden. Pamina jedoch wollte der Mama nicht beim Trainieren zusehen. Daher setzte Pascher die Tochter kurzerhand in die Trage und los ging’s – zu zweit. Während Pamina dabei gemütlich einschlief, trainierte die Mutter zu ihren Lieblings-Popsongs.
2008 fand die erste Kangatraining-Einheit von Nicole und Pamina Pascher mit 25 Kangamamas in Wien statt. Die waren begeistert, und es dauerte nicht lange, bis sich neue Gruppen fürs gemeinsame Mutter-Kind-Training fanden. Heute, genau zehn Jahre nach der Erfindung der neuen Sportart, gibt es lizenzierte Kangatrainerinnen in über 20 Ländern und ein flächendeckendes Angebot im deutschsprachigen Raum.
DIE MUSIK „LAUFEN“
Dass Musik auf besondere Art und Weise zu Bewegung motivieren kann, entdeckte auch der Schweizer Musikpädagoge und Musiker Émile Jaques-Dalcroze Anfang des 20. Jahrhunderts. In seinen Gruppen ließ er die Teilnehmer selbst dirigieren oder „die Musik laufen“. Seine Form der Rhythmik wird heute weltweit von Menschen aller Altersstufen praktiziert. Monika Mayr, studierte Rhythmikerin und seit rund 30 Jahren in der Rhythmik-Pädagogik und -Andragogik (Erwachsenenbildung) tätig, hat sich auf Senioren spezialisiert und arbeitet auch an der wissenschaftlichen Weiterentwicklung der Rhythmik in diesem Feld: In einem Seniorenzentrum in Wien-Schwechat unterrichtet sie einmal die Woche Pensionisten und Vorschulkinder des lokalen Kindergartens gemeinsam in einer intergenerativen Gruppe. Zu Beginn jeder Stunde wird zusammen gesungen und häufig auch gleich der Körper in Bewegung gebracht. Mayr macht die Musik dazu – manchmal ist es das Akkordeon, manchmal das Klavier, manchmal die Trommel. „Durch den Einsatz von Live-Musik kann ich mich jederzeit dem Tempo der Gruppe anpassen“, erklärt die Rhythmikerin. Die in der Stunde als sekundäre Mittel eingesetzten Objekte, z.B. Bälle, Seile und andere Materialien, würden die Bewegungslust zusätzlich anregen.
ALLES ERLAUBT
Ein Beispiel aus der Praxis: Geht es in der Stunde um das Thema Künstler, verteilt Mayr Pinsel an die einzelnen Teilnehmer. Zu schneller Musik bzw. kurzen Tönen machen diese dann vielleicht Punkte in die Luft; wird die Musik langsamer, können Striche entstehen. „Die Verbindung von Musik und Bewegung erfordert ständiges Multitasking; das befeuert die Kognition und löst idealerweise Emotionen aus, die wiederum das Lernen erleichtern“ – alles in allem also ideal für ältere Menschen. Mayr geht dabei nach dem Prinzip „Jeder kann sich bewegen, wie er kann“ vor und trifft damit einen Punkt, den auch Gender-Medizinerin Kautzky-Willer betont: „Egal, welche Form der Bewegung und wie viel davon – alles ist besser als nichts.“
EINFACH KLUG ESSEN
Wer sich regelmäßig bewegt, hat den ersten wesentlichen Schritt in Richtung gesunder Lebensstil getan. Doch nicht umsonst heißt es: „Abs are made in the kitchen“ – was nichts anderes bedeutet, als dass für den perfekten Sixpack auch die richtige Ernährung ausschlaggebend ist.
Ernährungsratschläge gibt es mittlerweile ohne Ende. Dabei lässt sich ein gesunder Lebensstil auf eine recht einfache Formel herunterbrechen: Verzicht auf Fast Food, lieber einfache Gerichte selbst kochen und Vorsicht bei Fett und Zucker. Ähnlich formuliert es auch Harald Sükar, ehemaliger Chef von McDonald’s Österreich. Insgesamt 13 Jahre lang hat er für große Fast-Food-Konzerne gearbeitet, nun, viele Jahre nach Ausscheiden aus seiner letzten Position, legt er das Buch „Die Fast Food Falle“ (edition a, 2019) vor.
FAST FOOD UND ZUCKER GEHEN HAND IN HAND
Ausgelöst wurde das Buchprojekt übrigens durch Sükars eigene Erfahrungen. Angelangt bei 110 Kilo begann sich der Top-Manager, der stets guter Kunde seines Arbeitgebers war, intensiv mit den Gründen für seine stetige Gewichtszunahme zu befassen. Einmal eingetaucht in die Recherchen stieß Sükar auf immer mehr Studien, die auf das Suchtpotenzial von Fast Food, bedingt vor allem durch den hohen Zuckergehalt, verwiesen.
GESUNDES ESSEN IST ERLERNBAR
Was Sükar auf 224 Seiten niedergeschrieben hat, weiß Elisabeth Jäger, Gründerin der österreichischen Adipositas-Selbsthilfegruppen, schon lange: „Je mehr Körperfett Sie haben, desto mehr Hormone haben Sie, die Hunger erzeugen. Wir können ohne unsere Droge nicht leben!“ Jäger weiß, dass Menschen mit Adipositas häufig schon als Kind kein gesundes Essverhalten gelernt haben. Umlernen sei angesagt. „Viele kommen gar nicht auf die Idee, sich eine rasche Suppe zu kochen – zur Not auch mit Tiefkühlgemüse –, sondern greifen standardmäßig zur Pizza“, sagt Jäger.
FINGER WEG VON DIÄTEN!
Lieber beizeiten die eigenen Gewohnheiten überdenken, als später in die Jojo-Falle zu geraten, weiß Jäger. Was die Kremserin berichtet, kennen viele, die sich einmal auf den Diätpfad begeben haben. Schnelles Abnehmen durch massive Kalorienreduktion wird vom Körper wie eine Hungersnot erlebt. Ist diese erst überwunden, sprich die Diät beendet, wird alles, was man zu sich nimmt, umso rascher gespeichert. Jede Zelle im Körper ist dann auf eine mögliche neue „Hungersnot“ programmiert. Auch Diätologen sprechen deshalb kaum noch von Diäten, sondern vielmehr von einer langsamen und vor allem nachhaltigen „Ernährungsumstellung“. Gleichzeitig soll durch Bewegung der Kalorienverbrauch gehoben werden.
Auch Sükar geht es in seinem Buch letztlich nicht um die Diskreditierung einer Marke, sondern um bewusste Ernährung. „Wenn auch nur ein Kind weniger an Diabetes erkrankt, habe ich mein Ziel erreicht“, so der Autor.
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